9
Dez
2014
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Was wäre der Winter ohne Weihnachten? Oder: Schützt uns Licht vor Depression?

Was wäre der Winter ohne Weihnachten?

Nehmen wir an, das sei gar keine rhetorische Frage. Wie würden wir die gesamte kalte Jahreszeit von November bis mindestens Februar erleben – ohne das dicke, raumfüllende Weihnachtsfest in der Mitte?

In Wochen wie diesen, wo tagelang kein Sonnenstrahl zu sehen ist, die Tage kurz und vor allem grau sind und kein grünes oder rotes oder auch nur gelbes Blatt mehr an den Bäumen hängt, da kann der im Grunde noch bevorstehende Winter wirklich wirklich lange erscheinen. Was oft hilft, solche tristen Täler gedanklich zu überstehen, sind die kleinen Inseln, auf die wir uns entlang des Weges retten können – ein Geburtstag, ein Urlaub oder eben ein anderes Ereignis, auf das wir uns freuen oder das zumindest die Routine aufbricht. Und ich bin der Meinung, es ist zu einem großen Teil die dicke, raumfüllende, leuchtende und bestimmt auch oft nervige Weihnachtsinsel (einschließlich Silvester), die uns die ganze Dunkelheit und Kälte bis etwa zum 2. Januar ein wenig vergessen lässt.

Ohne Licht gehen wir zu Boden

Der Winter ist ja auch nicht unbedingt ein Spaß. Es kann kein Zufall sein, dass wir vom „tiefsten“ Winter sprechen, aber vom „Hoch“-Sommer. Und ist das winterliche Tief ein wenig zu tief, führt es sogar zur „Winterdepression“ – ein depressionsartiger Zustand, dessen Ursache laut Wikipedia in einem veränderten biologischen Tagesrhythmus liegt, auch aufgrund von zu wenig Tageslicht.

Das gefürchtete D-Wort. Der ursprünglich französische Begriff „dépression“ bedeutet „Niedergeschlagenheit“ und leitet sich vom lateinischen „deprimere“, also „niederdrücken“ ab. Und tatsächlich trifft es dieses Bild doch ganz gut. Wird jemand von einer so starken Kraft zu Boden gedrück, erscheint es unmöglich, von alleine wieder aufzustehen und weiter zu gehen. Auch wenn wir „niedergeschlagen“ sind, landen wir am Boden – nicht zu Boden gedrückt, sondern „geschlagen“. Und wenn wir richtig unglücklich sind, können wir auch „am Boden zerstört“ sein. Diese Redewendung stammt allerdings von einem anderen Bild. Es kommt aus der Sprache der Kriegsberichterstattung und handelte ursprünglich von Flugzeugen, die niedergebombt wurden, noch bevor sie den Boden verlassen konnten.

Aber gar so negative Assoziationen verdient der Winter vielleicht auch wieder nicht. Er bringt uns doch auch viel Schönes: Schneemänner, Wintersport und das Recht, viel Zeit auf der Couch und unter der Decke zu verbringen. Und außerdem bringt der Winter doch den Nikolaus, Punschhütten, Kekse und…. Aber Moment. Wir nähern uns schon wieder der Weihnachtsinsel.

Dankbar für das Licht

Wie sehr wir die kitschigen Lichter, die aufdringliche Musik und den leidigen Zwang des Geschenkekaufens und Fröhlichseins also vielleicht verfluchen. Ich denke, es gibt nicht nur für gläubige Christen ein paar Gründe, warum wir dem Weihnachtsfest dankbar sein können. Nicht zuletzt sorgt es für viel Licht in Wochen, die ansonsten gar nicht so hell sind. Ich bin ihr auf jeden Fall dankbar – der dicken, raumfüllenden Weihnachtsinsel. Aber vielleicht auch nur deshalb, weil ich jetzt dieses ganze Licht wieder durch zwei leuchtende Kinderaugen sehen kann.

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5 Responses

  1. Marc

    Sehr schöner Blog! Tolle Beiträge, die mir sehr viel Freude am Lesen bereiten. Speziell dieser Beitrag gefällt mir, da ich mir vor ein paar Wochen die gleiche Frage gestellt habe: “Was wäre Winter ohne Weihnachten”. Sehr lesenswert. Weiter so!

    1. Marc

      In der Tat. Bei der Vorstellung, Winter ohne Weihnachten, dachte ich erst: Ja, und? – Dann, wenn man mal ganz genau darüber nachdenkt und sich vorstellt, was dies bedeuten würde, kam ich auf eine schreckliche Erkenntnis.

      Wie diese lautet, werde ich demnächst in meinem Blog preisgeben ;-) Natürlich werde ich auf diesen Beitrag verlinken. Trackbacks sind hoffentlich aktiviert ;-)

      LG
      Marc

  2. Julia

    Wunderbar wiedermal, liebe Nicola…!
    Ich geniesse diese Advent-Zeit auch ganz besonders, was sicher an der grandiosen Erfindung der Mutter-Karenz liegt! Beim Vorsingen diverser Weihnachtslieder für unsre Kleine ist mir übrigens aufgefallen, dass der englische und französische Sprachraum weit fröhlichere und flottere Melodien hervorgebracht hat, als der unsrige… Bei uns (in Österreich zumindest) singt man doch eher “andächtig” dieser Tage. Wo wir doch besonders viel Nebel auszuhalten haben in Wien…!
    – Fröhliche Weihnachten :-)

    1. Nicola

      Das ist sehr interessant. Sind Weihnachtslieder in anderen Sprachen tatsächlich fröhlicher? Das würde meine (absolut unwissenschaftliche) Theorie bestätigen, dass die West- und Süd-Europäer ein leichteres und helleres Gemüt haben, als die Nord- und vor allem Ost-Europäer, was sich für mich vor allem auch im Humor und in der Kunst (Film, Musik) zeigt.

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