26
Aug
2016
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Rabenmütter sind gute Mütter. Und Stiefmütter sind die besten.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, wissen und sagen wir. Und obwohl nicht ganz geklärt zu sein scheint, wie, wo und wann diese Wendung entstanden ist, lässt uns das Bild des Apfelbaums doch sehr klar verstehen, dass die räumliche Nähe des Apfels zu seinem Stamm, seinem Ursprung, die innere, charakterliche Nähe zwischen Eltern und Kindern versinnbildlicht. Simpler gesprochen: Wir alle tragen mehr von unseren Eltern in uns, als uns vielleicht manchmal lieb ist. Und folglich sind auch unsere Nachkommen keine Tabula Rasa, keine leere Schreibtafel oder ein gänzlich unbeschriebenes Blatt, das nach Lust und Laune gestaltet werden kann. Auch Sie leben einige unserer Eigenschaften, Talente, Charakterzüge und Verhaltensweisen weiter. Ob wir das alle wollen oder nicht.

Wer sprichwörtlich kein unbeschriebenes Blatt ist, hat im Grunde einfach schon viel Erfahrung vorzuweisen. Tatsächlich verstehen wir die Wendung aber oft negativ, denn viele nicht mehr so unbeschriebene Blätter haben sich unserem Verständnis nach schon so einiges zu Schulden kommen lassen. Und das Thema Schuld bringt uns auch direkt zurück zum Elternsein. Genauer gesagt zur Mutterschaft, denn es sind doch vorrangig die Mütter, die in den Augen aller ihre Kinder maßgeblich prägen, formen, erziehen, zu den Menschen machen, die sie irgendwann sind. „So ein braves Kind! Aber auch kein Wunder, die Mutter ist ja auch so ruhig“, wird beispielsweise gerne analysiert. Der Umkehrschluss, dass alle wilden Kinder unruhige Mütter haben, gilt ebenfalls. Erklärungen für sehr konträre Charaktere von Geschwisterkindern gibt es auch. Ein: „Naja beim Ersten war die Mutter halt schon noch viel ruhiger“, geht zur Not immer.

So kommt es dann auch, dass zu dem mehr oder weniger riesigen Haufen an Schuldgefühlen, den sich Mütter im Laufe der Zeit zusammentragen, noch diese eine belastende Vermutung hinzukommt: „Der Charakter meines Kindes ist allein das Produkt meiner Anwesenheit, meiner Fähigkeiten, meiner Erziehung, meiner Launen und meinem Vermögen, mit den schönen, schlimmen, einfachen und vor allem schweren Momenten meines Kindes umzugehen.“

Rabenmutter!“ schreit es bei Problemen dann schnell mal im Mutterkopf und in den eigenen schlimmen Fantasien auch in den Köpfen der gesamten, einen beobachtenden Umgebung. Eine schlechte Mutter, könnte man statt der tierischen Metapher (die es übrigens nur im Deutschen gibt) auch sagen. Genauer hingesehen ist die Rabenmutter allerdings gar nicht so schlecht wie ihr Ruf, der lediglich auf die Beobachtung zurückgeht, dass junge Raben nach Verlassen des Nestes am Boden noch recht unbeholfen wirken. Die kleinen Nesthocker verlassen nämlich tatsächlich noch vor Erlangen ihrer Flugfähigkeit das mütterliche Nest. Allerdings aus freien Stücken. Bis dahin werden sie sehr wohl von ihrer Mutter gefüttert und beschützt.

Rabenmütter behandeln ihre Kinder also gar nicht so stiefmütterlich, wie sprichwörtlich behauptet wird. Und die Stiefmütter? Schon in unseren schönsten Kindermärchen sind sie es, die als hartherzige, lieblose, ungerechte Ersatzmütter hexengleich für Unglück, Schmach und Tod ihrer angeheirateten Töchter verantwortlich sind. Ja, vor allem Töchter, denn von Stiefvätern ist in den Geschichten selten die Rede und von Stiefsöhnen eigentlich nie.

Jedenfalls kein besonders positives Wort, der Begriff „Stiefmutter“. Dabei könnte diese Rolle gar nicht bewundernswerter sein. Wie selbst- und bedingungslos müssen Frauen lieben können, wenn sie bereit sind, sich um das Wohlergehen von Kindern zu sorgen, die nicht in dem alles verändernden Erlebnis einer Geburt für immer in ihr Herz implantiert wurden, sondern einfach irgendwann da waren – von einem ganz anderen Stamm entsprungen? Frauen, die sich um Essen, Trinken, Baden Zähneputzen, um volle Windeln, aufgeschundene Knie, Wutanfälle, Trotzphasen, Pubertäten, Hausaufgaben und Liebeskummer kümmern, womöglich ohne jemals das Gefühl zu erleben, der wichtigste Mensch im Leben eines Kindes zu sein? Die ihre Zeit, ihren Schlaf, ihre Ruhe, ihre Wochenenden und ihre Urlaube dafür geben, ein oder mehrere Kinderleben schöner zu machen – ohne dafür bezahlt zu werden? Vielleicht sind Stiefmütter die wahren Heldinnen der Kindererziehung und vielleicht sogar manchmal die besten Mütter von allen. Wobei sie natürlich einen wesentlichen Vorteil genießen: Sie haben nicht so viel Schuld.

 

 

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