27
Jul
2016
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Babypause, Elternzeit und andere mächtige Worte

Die Macht der Worte. Sie zeigt sich unter anderem dort, wo uns Sprache wie eine gefärbte Brille einen ganz bestimmten Blick auf die Welt haben lässt. Wenn zum Beispiel der Asylant anders als der Asylsuchende oder Refugee aufgrund seiner Wortendung ganz schnell ein ähnlich negatives Bild vermittelt wie der Querul-ant, der Simul-ant oder der Ignor-ant. Und wenn Flüchtlinge im Gegensatz zu Flüchtenden ein wenig Herabwürdigung erfahren, wie es auch beim Schön-ling und dem Schreiber-ling der Fall ist. Oder auch dann, wenn wir für Arbeitssuchende aufgrund ihres ausgesprochenen Willens einen Beitrag zu leisten weitaus mehr Verständnis aufbringen als für die viel passiveren Arbeitslosen.

Alles eine Frage der Perspektive.

Und weil es einen so großen Unterschied machen kann, bei welchen Namen wir die Dinge nennen, reagieren auch immer mehr Mütter und Väter ein wenig sensibel darauf, jene Zeit, in der sie alles andere stehen und liegen lassen, um sich ausschließlich der Versorgung ihres Kindes zu widmen, ausgerechnet als „Urlaub“ oder „Pause“ zu bezeichnen. Denn gerade davon bleibt Vollzeit-Müttern und -Vätern in der Regel recht wenig. In Deutschland wurden Mutterschafts’urlaub’,  Erziehungs’urlaub’ und Baby’pause’ deshalb schon Anfang der 2000er in die neutraler betrachtete Eltern’zeit’ umbenannt.

Wortklauberei! – argumentieren einige, vor allem vor dem Hintergrund, dass der Begriff „Urlaub“ doch lediglich die Sicht der ArbeitgeberInnen wiedergibt und ganz einfach eine Freistellung mit Sicherung des Arbeitsplatzes beschreibt. Teil des gesellschaftlichen Problems! – meinen hingegen andere, da Begriffe wie „Urlaub“ und „Pause“ doch nur noch mehr zu der Geringschätzung beitrügen, die Elternteile erfahren und auch empfinden, solange sie „nur“ daheim bei den Kindern sind.

Ein wenig anders als alle anderen sagen es allerdings die Österreicher. Wir sprechen weder von Urlaub, Freistellung oder Zeit, sondern von der Karenz: Ein von dem lateinischen Verb carere, also „verzichten“ abgeleiteter Begriff, der in unterschiedlichen Zusammenhängen eine Art Sperr- oder Wartefrist bezeichnet. So auch bereits zu Zeiten des Kaiserreichs, als ausländische Arbeiter jedes Jahr eine gewisse Anzahl an Wochen oder Monaten in ihrem Heimatland verbringen mussten, um sie davon abzuhalten, sich permanent im Gastland niederzulassen. Und vielleicht hat Österreich mit der Elternkarenz den Nagel sogar am genauesten auf den Kopf getroffen. Denn in Österreich, wo es Eltern, aber vor allem Müttern, länger als in den meisten anderen Ländern ermöglicht wird, die Kindererziehung selbst und oft allein zu übernehmen, entsteht nicht selten das Gefühl, es müsse auf Beruf, (außerfamiliäre) Ambitionen und Eigenständigkeit zugunsten der Familienplanung “verzichtet” werden.

Eines der Pseudoprobleme unserer Ersten Welt, vielleicht, in der wir doch ohnehin frei und selbst bestimmen können, wie wir unser Leben gestalten. Medizinstudium oder Kunst, Stadt oder Land, Altbauwohnung oder Reihenhaus, Tofuschnitzel oder Trüffelsalami, All-Inclusive auf Malle oder Zelten in Island, Supermutter oder Karrierefrau… Die Möglichkeiten sind unbegrenzt und damit auch das Risiko, nicht die richtigen zu wählen. Wer will schon selbst schuld daran sein, das vielleicht einzige Leben, das wir haben, aufgrund falscher Entscheidungen in den Sand gesetzt zu haben…

Übrigens neigen Studien zufolge Kulturen mit stark religiösen oder gesellschaftlichen Verboten und Zwängen weniger zu Depressionen als sehr liberale Gesellschaften. Weil sie schlichtweg weniger Druck verspüren, für ihr Lebensglück selbst verantwortlich zu sein. Entscheidungsfreiheit oder doch Qual der Wahl – eben alles eine Frage der Perspektive. Und der richtigen Worte.

 

Zusätzliche (zu den hier genannten) Quellen:
zeit.de: Vorsicht vor diesen Wörtern 
zeit.de: Die Macht der Worte 
zeit.de: Große Worte, subtiler Einfluss
spiegel.de: Die Qual der Wahl – Warum uns Entscheidungen so schwer fallen

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