11
Jan
2015
6

Warum sagen das nur die Österreicher? (Teil 1)

Hier in Deutschland werde ich immer wieder gefragt, wie das denn möglich sei, dass österreichische Kinder mit einer Sprache aufwachsen (Österreichisch) und trotzdem die „richtige“ Sprache schreiben lernen (Deutsch).

Wo fange ich da an?

Ich müsste eigentlich ausholen und darüber sprechen, dass Deutsch weitestgehend als “plurizentrische Sprache” angesehen wird, was bedeutet, dass es ein österreichisches Hochdeutsch gibt, das – nein – kein Dialekt ist, sondern eine von mehreren Varietäten der neuhochdeutschen Standardsprache. Und dass es – na klar – in Österreich sehr viele Dialekte gibt, die zwar gesprochen aber nicht unbedingt geschrieben werden. Wie das im Übrigen auch in Deutschland der Fall ist. Denn auch dort lernen Schüler meist ohne Einwirken eines Wunders, dass Wörter wie “nee”, „nich“, „icke“, „fei“, „wat“ sowie Tausende andere umgangssprachliche Begriffe der verschiedenen regionalen Dialekte in Aufsätzen und Schularbeiten vermieden werden sollten. Und vielleicht müsste man auch dazusagen, dass im Grunde sowieso kaum jemand Hochdeutsch spricht. Weil bundesdeutsches Deutsch nicht automatisch Hochdeutsch ist.

Woher kommen diese österreichischen Wörter?

Aber so genau will es dann doch kaum jemand wissen und deshalb ist es vielleicht klüger, stattdessen eine Frage zu beantworten, die zwar nie gestellt wird, aber umso interessantere Antworten liefert: Woher kommt all das, was nur die Österreicher sagen?

Natürlich gäbe es auch darauf mehrere Antworten. Und viele davon haben etwas mit dem Einfluss mittel- und osteuropäischer Sprachen zu tun – nicht zuletzt während der der Zeit der Donaumonarchie. Ich bleibe heute aber bei den Tschechen. Weil sie mir besonders am Herzen liegen und auch, weil sie gar so viele wunderbare Perlen ins Land gebracht haben. Vor allem nach Wien und Niederösterreich, denn dahin zog es tschechische Einwanderer immer wieder im Laufe der Geschichte.

Die Tschechen in Wien

Monika Glettler berichtet in ihrem Buch Böhmisches Wien davon, dass schon zur Zeit der Ersten Türkenbelagerung (bzw. knapp danach) eine erste größere Einwanderungswelle aus Tschechien erfolgte.(1) (2) Mit der Übersiedlung des Kaiserhofes nach Wien Anfang des 17. Jahrhunderts kamen vorerst vor allem der Adel und die Beamtenschaft (inklusive Dienstpersonal) in die Reichshauptstadt. Im 18. Jahrhundert folgten die Handwerker und Kaufleute.(2) Ende des 19. Jahrhunderts erreichte die Zuwanderung aus Tschechien ihren Höhepunkt, als in Wien im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs und daraus resultierender Bauprojekte massenweise Arbeiter gebraucht wurden. Um 1900 zählten schätzungsweise 250 000 bis 300 000 der mittlerweile 1,6 Millionen Wiener zur tschechischen Volksgruppe (1) (2) und Wien galt zu jener Zeit als zweitgrößte tschechische Stadt Europas.(1) Angesichts dieser Zahlen (die sich in der Zwischenkriegszeit und nach dem Zweiten Weltkrieg drastisch verringerten) ließe sich eigentlich ein noch viel stärkerer Einfluss des Tschechischen auf die österreichische Sprache vermuten. Warum dem aber nicht so ist, geht wohl unter anderem darauf zurück, dass ein großer Anteil dieser tschechischen Bevölkerung in Wien Bedienstete, Arbeiter und Handwerker waren, die nicht nur gezwungen waren, sich schnell zu assimilieren, sondern auch nur bedingt Einfluss auf die Sprachentwicklung hatten (2) – so zum Beispiel im Bereich der Küche.

Tschechisch-österreichische Sprachperlen

Davon blieb uns unter anderem die (Topfen-) Kolatsche, die in Deutschland als „Topfentasche“ oder gar „Quarktasche“ bestellt werden muss. Das tschechische Wort koláč bedeutet auch heute noch „Kuchen“. Dann die Buchteln, also „Dampfnudeln“, die als tschechische Mehlspeise auch den tschechischen Namen (buchta) erhielten. Ursprünglich tschechische Wörter sind außerdem Kukuruz (kukuřice) für süßen Mais, Kren (křen) für Meerrettich und natürlich der Powidl (povidla).

Wie sieht es aber mit Wörtern außerhalb der Küche aus? Von dem Bussi, dem Baba und der Tuchent haben wir bereits erzählt. Hier noch weitere Juwele aus der Umgangssprache:

  • Der Pfrnak bezeichnet eine besonders große oder sehr lange Nase und heißt ziemlich genauso im Tschechischen: frnák.
  • Auf lepschi gehen heißt so viel wie „ausgehen“, „sich herumtreiben“. Das tschechische Wort lepší bedeutet einfach „besser“.
  • Auch das immer seltener verwendete pomali kommt aus dem Tschechischen. Dort heißt pomalu (oder pomaly) „langsam“ und ist in dieser Bedeutung noch manchmal zu hören: „Heast, moch amoi pomali!“

Zu guter letzt die für mich interessanteste Entdeckung: Möglicherweise haben auch bestimmte Wortgefüge, die außerhalb Österreichs immer wieder für Verwunderung sorgen, tschechische Wurzeln (2):

  • Auf etwas zu vergessen passiert eigentlich nur Österreichern. Überall anders wird einfach “etwas vergessen”. Möglicherweise wurde diese Struktur von dem tschechischen zapomínat na něco übernommen (“na” bedeutet “auf”).
  • Das steht nicht dafür im Sinne von „das lohnt sich nicht“ gibt es auch im Tschechischen: to nestoji zato. Ein Gefüge, das möglicherweise ebenfalls durch den Einfluss der tschechischen Sprache entstand.
  • Das geht sich (nicht) aus. Für mich die Königin der österreichischen Phrasen ist außerhalb Österreichs teilweise völlig unbekannt. Warum sagen wir so? Eine mögliche Erklärung wäre, dass diese Struktur aus dem Tschechischen entlehnt wurde, denn dort heißt es ebenfalls, im Grunde wortwörtlich übersetzt: „to se nevyšlo“ oder to se nepovedlo.

Wie immer erhebt das Sprachperlenspiel keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Kennen Sie vielleicht weitere österreichische Lehnwörter aus dem Tschechischen? Bitte teilen Sie sie mit uns! Eine Fortsetzung von “Warum sagen das nur die Österreicher?” folgt bestimmt.

 

 
Zusätzliche (neben den hier genannten) Quellen:
(1) Basler, Richard: Ein kurzer Überblick über die Lage der Wiener Tschechen 
(2) Gottliebová, Alena: Ausgewählte Besonderheiten des Wiener Deutsch. Sprachliche Zeugnisee der gemeinsamen böhmisch-deutschen Geschichte.
 
Aus diesen Quellen zitierte Literatur:
Glettler, Monika: Böhmisches Wien. Wien, 1985.
Valeš, Vlasta: Die Wiener Tschechen einst und jetzt. (Vidensti Cesi vcera a dnes.) Prag, 2004.
John, Michael; Lichtblau, Albert: Schmelztiegel Wien – einst und jetzt. Zur Geschichte und Gegenwart von Zuwanderung und Minderheiten. Wien/Köln, 1990.
 
Noch ein Kommentar:
Ich muss ausdrücklich festhalten, dass hier nur ein klitzklitzekleiner Ausschnitt der österreichischen Sprache behandelt wird. Die hier dargelegten Inhalte beziehen sich vor allem auf die ostösterreichische Sprache und auch hier nur auf einen kleinen Teil. 

 

Urheberrecht Bild: 123rf Stockfoto kabvisio

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22 Responses

  1. Erika Berger

    Höchst interessant !!! Da wäre noch die Sache mit dem Beistrich ;) Ganz zu schweigen von Deka und Sackerl, Übertragen für gebraucht etc.

  2. Judith

    Ich als deutsche Einwanderin habe ich mich vor allem über das Gemüse usw. gewundert. Warum Karfiol, Fisolen und Paradeiser? Dazu kommt euer Wort für umziehen: übersiedeln. Es scheint mir, dass dieses Wort nicht konjugiert wird… Wäre interessant noch mehr zu erfahren.

    1. Nicola

      Oh ja, Obst und Gemüse… das verdient einen eigenen Beitrag! Wobei da die Herkunft sehr unterschiedlich ist, soweit ich (bisher) weiß. “Übersiedeln” ist laut Duden gar kein ausschließlich österreichisches Wort, es wird wohl auch in Deutschland verwendet (Werde ich mir mal genauer ansehen!). Anscheinend ist es möglich, sowohl “übersiedelt” als auch “übergesiedelt” zu sein. In Österreich würden wir aber immer nur erstere Variante sagen :)

      1. Nicola

        Das kannte ich nicht! Natürlich ist auch Schweizer Deutsch eine Varietät der deutschen Standardsprache. Genau wie Österreichisch. Und es würde einen eigenen Blog verdienen!

  3. Danke für diesen interessanten Beitrag! Als gebürtige Österreicherin muss ich in meinem Beruf als Übersetzerin oft teuflisch aufpassen, dass ich keine “Austriazismen” verwende, aber ich liebe sie sehr!

    1. Nicola

      Danke, Petra! Mir geht’s ganz genauso. Und es passiert mir immer und immer wieder, dass ich doch welche verwende. Erst vor ca. zwei Jahren habe ich z.B. herausgefunden, dass der “Beistrich” in Deutschland so gar nicht existiert… “Was für ein Strich? Das klingt irgendwie nach etwas Unanständigem”, meinten meine (deutschen) Kollegen.

  4. Anna Vlasova

    Es ist auch interessant, dass fast alle Woerter, die Sie in der Artikel beschrieben haben, wie z.B. “кукуруза” fuer Kukuruz, “хрен” fuer Kren, “повидло” fuer Powidl, usw., genau so in Russisch klingen. Auch diese Wortgefuege (“auf etwas zu vergessen” = “забыть о чем-то”, “das geht sich nicht aus”= “это не вышло”) sind fuer Russisch ganz uebrig. Ich glaube aber nicht dass wir das alles in Russisch von tschechischen Sprache bekommen haben…

    1. Nicola

      Ja, das stimmt! Das wurde im Russischen bestimmt nicht aus dem Tschechischen übernommen, sondern liegt in diesem Fall an den gemeinsam slawischen Wurzeln. Tschechisch und Russisch haben als slawische Sprachen sehr viele lexikalische und grammatikalische Gemeinsamkeiten. Was mir dazu gleich einfällt: Im Russischen und Tschechischen sagt man ja “мы с мамой были (где-то)” bzw. “byli jsme s maminkou …”, wenn ich sagen möchte, dass ich mit meiner Mama irgendwo war. Wörtlich übersetzt ist das: “wir mit Mama waren…” (oder eben “wir waren mit Mama…”). Im Deutschen ist das eigentlich missverständlich – man würde annehmen, dass mindestens zwei Personen mit Mama irgendwo waren. Deshalb muss es im Deutschen eigentlich heißen “Mama und ich waren..”. Doch selbst diese Struktur habe ich interessanterweise bereits in (Ost-) Österreich gehört.

  5. Andreas Hausmann

    Während eines Praktikums in Berlin unterlief mir auch der “Beistrich”-Lapsus. Ich wurde damals gefragt, ob wir Österreicher auch in der Mathematik dieses Wort für Komma verwenden… Komischerweise nicht! ;-)
    Auch nicht uninteressant: Größen-/Mengenangaben: Fuzerl, Bissl, Äuzerl (Alzerl), Trumm, Murdstrumm, a Wengl, a Neichtl, a Haufn…
    oder Richtungsangaben: ummi, auffi, eini, dauni, zuwi, aussi,…

    1. Nicola

      Ja! Soweit hatte ich noch gar nicht gedacht… Bei Zahlen ist es immer ein Komma… müsste man sich mal näher ansehen.
      Und die Mengenangaben sind natürlich ein Wahnsinn :) Herrlich. Danke für den Hinweis!

  6. Andreas Hiebl

    Hatte immer schon viel Freude mit Ethymologie und bin daher vom Text oben sehr begeistert!
    Schon während meines Studiums hatte ich mit deutschsprachigen Menschen und deren Dialekten aus ganz Europa zu tun und wir hatten immer viel Spaß, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu diskutieren.
    Zuletzt hat mich vor allem die luxemburgische Sprache beschäftigt, sind doch einige der dort üblichen Worte den österreichischen sehr ähnlich.
    Z.B. klingt das Wort “Gromperen” für Kartoffeln (Pl.) sehr nach dem oberösterreichischen Wort “Grundbirn(en)”.
    Möglicherweise geht das auf die Besatzungszeit Luxemburgs durch die Habsburger zurück… in die eine oder andere Richtung! :)
    Wir wollen mehr erfahren, weiter so!

    1. Nicola

      Das ist ja interessant! Das Thema “Grundbirnen”/”Kartoffeln”/”Erdäpfel”/”Bramburi” ist ja schon allein in Österreich sehr gehaltvoll. Über Luxemburg wusste ich bisher gar nichts. Vielen Dank für diesen zusätzlichen Hinweis!
      Und vielen Dank auch für das Lob, das freut mich ganz besonders :)

  7. Beim Lesen ist mir eingefallen das die tschechischen/(ost)slowakischen Pflegerinnen meines Grossvaters “šlak mě trefí” als Redewendung verwendeten.

    Was mich schon immer interessiert hat: Ich habe 5km zur cz/sk Grenze und verwende statt “dort” – “zem, bzw zemad”. Aber das tun die Tiroler auch, warum?

    1. Nicola

      DANKE für diesen Kommentar. So herrlich: das ins Tschechische übernommene “Mich trifft der Schlag”. Sprachvermischung in die andere Richtung. Einfach wunderbar. Aus dem “zem”/”zemad” werde ich im Moment auch nicht schlau. Ich hör mich mal um :)

  8. iris aigner

    passend zum beistrich fällt mir das rufzeichen ein (deutsch = ausrufezeichen)

    im büroalltag fiel mir auf, dass farbiges papier in österreich färbig ist
    und dass man einen brief in österreich “zu handen” und nicht wie in deutschland
    “zu händen” verschickt. der österreicher unterbreitet auch ein “anbot” während der
    deutsche von einem “angebot” spricht.

    gibt es in österreich irgendetwas nicht mehr, dann ist es “fertig” und in deutschland ist es “aus”

    der mais heisst hoer in tirol “türken”. auch interessant….

    1. Nicola

      Ja, super! Ein weiterer großer Bereich ist das österreichische Amtsdeutsch. Da stecken genau die Dinge drin, die sie hier angesprochen haben. Das kommt auf jeden Fall auch noch dran!

  9. Vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag!
    Bei uns arbeiten auch im österreichischen Büro unterschiedliche Nationen und wir haben unseren tschechischen Kollegen gleich gefragt, ob er damit was anfangen kann.
    Seine Antwort war: “Das geht sich pomali aus!” :-)

  10. Was für ein schöner Beitrag. Und tolle Erklärungen. Ist auch Tschechisch der Grund für weitere Unterschiede wie:
    Konsument / Verbraucher
    auf / in den Urlaub fahren
    – / nach Wien fahren
    Bankomat / Geldautomat
    Einsatz / Pfand

    und dann die Vorsilben: Geld beheben / abheben
    klagen / jdn verklagen oder anklagen

    und besonders lustig finde ich die Verwendung vom Fugen-s:
    Adventkalender / Adventskalender
    Geschenkspapier / Geschenkpapier

    Ich bin auf jeden Fall gespannt auf weitere Artikel – auch über die Amtssprache!

    1. Nicola

      Soweit ich weiß, sind dafür ausnahmsweise nicht die Tschechen verantwortlich. All das sind aber wunderbare Ideen für weitere Nachforschungen. Vielen Dank!

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